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Frankfurter Küche

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Frankfurter Küche

Trotz der avantgardistischen Ästhetik und des Vorteils der Arbeitsersparnis stieß die Innovation nicht immer auf ein positives Echo. Nach der Einführung des Modells stellte die Reichsforschungsgesellschaft für Wirtschaftlichkeit im Bau- und Wohnungswesen (RFG) bei einigen Haushalten deutliche Anstrengungen fest, auf den bisherigen Lebensgewohnheiten zu beharren (Anbringen weiterer Möbelstücke in der Küche, Essen in der Küche, Kochen im Wohnzimmer usw.). Tatsächlich erforderte die Frankfurter Küche beträchtliche Umstellungen in der Wohnkultur der unmittelbar Betroffenen, die bei ihrer Konzeption keinerlei Mitsprache gehabt hatten. Die Ämter der Frankfurter Stadtverwaltung waren um die Akzeptanz der Frankfurter Küche sehr bemüht. Dazu wurden Hausfrauenabende organisiert. Technische Probleme, wie z. B. der akute Platzmangel bei aufgeklappten Schranktüren oder das Eindringen der Feuchtigkeit in die Lebensmittel (die Aluminiumschütten waren nach oben nicht verschlossen), konnten zwar im Laufe der Jahre behoben werden. Die Frankfurter Küche wurde jedoch von vielen als zu wenig flexibel empfunden. Die RFG bemängelte das Konzept der Aluminiumschütten, die wenig gebraucht wurden und eigentlich nie für ihre ursprünglich vorgesehene Funktion. Die Küche war nicht für die Anwesenheit von Kindern konzipiert; von Hausfrauen wurde die Kritik geäußert, die Aluminiumschütten seien zu tief platziert und für den Nachwuchs zu leicht erreichbar. Die Möglichkeit der Familien, gegebenenfalls eigene Verhaltensformen zu entwickeln und zu behalten, gehörte tatsächlich nicht unbedingt zum Konzept, wobei Schütte-Lihotzky gerade eine Aufwertung der Frauenarbeit zu bewirken versucht hatte.
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Frankfurter Küche

Die sich daraus ergebenden geringen Ausmaße des Raumes erlaubten es nicht, die damals im Handel üblichen Küchenmöbel zu verwenden. Wir hätten, um das zu ermöglichen, viel größere Küchen bauen müssen. Durch die ersparten Kubikmeter Bauumfang ergab sich jedoch eine nicht unerhebliche Kostenreduzierung. Damit bot die Frankfurter Küche zwei Vorteile: Arbeitsersparnis für die Bewohner und zugleich geringere Baukosten. Nur so konnte man den Einbau der Küchen mit all ihren raffinierten arbeitssparenden Einrichtungen in der Frankfurter Stadtverordnetenversammlung (Gemeinderat) durchsetzen. Das Ergebnis war, daß von 1926 bis 1930 keine Gemeindewohnung ohne Frankfurter Küche gebaut werden durfte.In diesem Zeitraum entstanden rund 10000 Wohnungen mit „Frankfurter Küchen“. Die Kosten der gesamten Einrichtung wurden den Baukosten zugeschlagen und auf die Miete umgelegt. Das war für die Mieter tragbar, um so mehr, da die Anschaffung von Küchenmöbeln nicht erforderlich war. Durch diese *** der Finanzierung war es möglich, die „Frankfurter Küche“ massenweise zu erzeugen und damit tausenden Frauen sehr viel Zeit zu ersparen, die ihren Familien und ihrer eigenen Gesundheit zugute kam.
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Frankfurter Küche

Das Werkbundarchiv – Museum der Dinge in der Kreuzberger Oranienstraße hat ein neues, ungewöhnlich großes Objekt erworben: eine Küche aus den späten zwanziger Jahren. Sie wurde samt originalem Fenster in einem kleinen, zum Hof gelegenen Raum eingebaut, so dass man sich gut vorstellen kann, wie man sich in ihr bewegte und arbeitete. Diese unscheinbare, weißgraue Küche, der die lange Nutzung anzusehen ist, ist bei Designfans in aller Welt bekannt. Die „Frankfurter Küche” wurde 1926 von der Wiener Architektin Margarete Schütte-Lihotzky entworfen und war die Attraktion auf der Frankfurter Frühjahrsmesse 1927. Über zehntausend Küchen dieses Typs wurden in unterschiedlichen Varianten in den Frankfurter Siedlungen eingebaut, die Stadtbaurat Ernst May errichten ließ, um breite Bevölkerungsschichten mit günstigen, zweckmäßig ausgestatteten Wohnungen zu versorgen. Das im Museum der Dinge ausgestellte Exemplar stammt aus einem Zweifamilien-Reihenhaus, einem weißen Flachdachbau in der Römerstadt-Siedlung. Berühmt wurde die „Frankfurter Küche”, weil sie die Leitbegriffe Funktionalität und Standardisierung, wie sie die Architektur und die Produktkultur der zwanziger Jahre, in etwas anderer Form auch noch der fünfziger und sechziger Jahre prägten, geradezu paradigmatisch verkörperte.
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Bis in die 1980er Jahre wanderten viele Frankfurter Küchen auf den Sperrmüll, meist aus Unkenntnis oder nach Auszug der Erstbewohner. Auch eine zweite Verwendung etwa als Kellermöbel kam nicht in Frage, da die Küchen über keine Rückwände und teilweise auch über keine Seitenwände verfügten. Folglich sind nur sehr wenige Küchen teilweise oder gar vollständig erhalten. Das Interesse an der Frankfurter Küche und an avantgardistischen Designobjekten im Allgemeinen führte zum sorgfältigen Ausbau einiger verbliebener Exemplare, die in Museen, Sammlungen oder auf dem Auktionsmarkt wanderten. Mitunter wird versucht, alte Küchenmöbel, die manchmal ebenfalls über die Haarer Schütten verfügen, als angebliche Teile einer alten Frankfurter Küche zu verkaufen.
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Die Wiener Architektin Margarete Schütte-Lihotzky hat die Küche 1926 als einen Typus entworfen, der zehntausendfach in zahlreichen Varianten in den Frankfurter Siedlungen realisiert wurde. Schütte-Lihotzky arbeitete im Auftrag des Frankfurter Stadtbaurats Ernst May, der in sich die Position des gestaltenden Architekten und die des politisch-kommunalen Managers für das Neue Frankfurt der 1920er Jahre vereinigte. Angesichts der steigenden Bevölkerungszahlen und der städtischen Wohnungsnot nach dem Ersten Weltkrieg ging es bei diesem Wohnungsbauprogramm um günstigen, effizient und sparsam genutzten Wohnraum mit einer einfachen, preiswerten Ausstattung für große Bevölkerungszahlen. Das vor allem von der SPD unterstützte Siedlungsbauprogramm war politisch motiviert und hatte zum Ziel, die möglichen technischen und hygienischen Standards der Zeit (fließendes Wasser, Gas und Elektroenergie) auch unteren Bevölkerungsschichten zugänglich zu machen. Das Programm wurde durch eine spezielle moderne Öffentlichkeitsarbeit vermittelt, in deren Rahmen z.B. auch die Küche erfolgreich auf der Frankfurter Frühjahrsmesse 1927 vorgestellt wurde.
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Die typischen Arbeitsabläufe sind in dieser Küche bereits antizipiert. So hatte die Arbeitsplatte in manchen Versionen der Frankfurter Küche am rechten Rand eine Aussparung, in die man gleich die Gemüseabfälle schieben konnte – eine herausnehmbare Schütte fing sie auf. Wer sich umsieht, entdeckt viele weitere praktische Details. Im Topfschrank links kann man in den obersten, mit Rillen versehenen Stangen die Deckel unterbringen. Zwei Keramikbecken machen es möglich, parallel zu spülen und Gemüse abzuwaschen. Die eckige Aluminiumabtropffläche hat Längsrillen und neigt sich zum Becken. Viele dieser Lösungen, die damals erfunden wurden, sind uns vertraut, sie sind längst in die Gestaltung der Küchen eingegangen, wie die Frankfurter Küche überhaupt Vorbild der modernen Einbauküche wurde. Erstaunlich aber ist die Konsequenz, die geradezu puristische Strenge, mit der das Prinzip des Praktischen durchgehalten ist. Ungewohnt ist auch die Einfachheit des Materials. In Zeiten von Oberflächen aus edlem Holz oder satiniertem Glas und glitzernden Edelstahlgriffen wirken die Schrankwände aus einfachem lackiertem Holz und die drehbaren Griffe aus Aluminium beinahe spartanisch. Wohnungen, die mit diesen Küchen ausgestattet waren, sollten sich Arbeiter und kleine Angestellte leisten können. Der Aufbau aus standardisierten Modulen erleichterte die Serienfertigung und verringerte die Herstellungskosten.
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Zur Kostenreduktion wurde die Standardvariante der Frankfurter Küche als Modulsystem konzipiert, das in großer Auflage in Fabriken hergestellt werden konnte und von den Tischlern nur noch eingebaut werden musste. Die Kosten der Küche wurden auf die Miete aufgeschlagen. Somit beeinflusste die Frankfurter Küche nicht nur vom Design die heutige Einbauküche, sondern auch durch die Standardisierung der Module und die Möglichkeit der industriellen Fertigung.
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Die Frankfurter Küche sollte so praktisch wie ein industrieller Arbeitsplatz gestaltet sein: Alle wichtigen Dinge sollten mit einem Handgriff erreichbar sein und eine Vielzahl von Gerätschaften soll Arbeitsgänge verkürzen. Um die Forderung der schnellen Erreichbarkeit zu erfüllen, ist sie sehr kompakt gehalten, was den Erfordernissen des breit angelegten Wohnungsbaus sehr entgegenkam. Gleichzeitig steht die Frankfurter Küche für einen hohen Designanspruch.
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Steht der Begriff „Frankfurter Küche“ originär für die Entwicklung und Umsetzung innovativer Küchen Frankfurt, so ist die letzten Jahre auch eine Verflüchtigung zu beobachten, bei welcher nicht mal die Grundvoraussetzung eines Küchenobjekts erfüllt ist. Ein Gastronomiebetrieb bezeichnet sich ebenso als „Frankfurter Küche“ wie ein Bienenhaus in Dortmund.
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Das in die Schausammlung des Werkbundarchiv – Museum der Dinge integrierte Exemplar der “Frankfurter Küche” stammt aus einem Zweifamilien-Reihenhaus im Heidenfeld 24 in der Römerstadt-Siedlung, die 1927/28 entstanden ist. In den Küchen der Römerstadt-Siedlung fehlten die in anderen Frankfurter Küchen vorhandene Schiebetür und die Kochkiste und sie waren mit Kombinationen aus Elektro- und Kohleherd ausgestattet. Der ursprüngliche Herd fehlt in diesem Interieur und wird durch ein vergleichbares Modell ergänzt. Die Küchenmöbel waren ursprünglich blaugrün gestrichen und wurden im Laufe ihrer Nutzung creme-weiß überstrichen. Die Küche wird unrestauriert aufgestellt, da die Nutzungs- und Veränderungsspuren sichtbar bleiben sollen; nur die Beschläge wurden von Farbe befreit und einige fehlende Teile ergänzt.
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Heute, da die Küche wieder als Mittelpunkt des Familienlebens idealisiert wird, da das gemeinsame Essen und die Zubereitung als letzte Residuen der Geselligkeit und der Sinnlichkeit zelebriert werden, sind uns diese Vorstellungen fremd. Das Prinzip der „größten Leistung bei geringstem Arbeitsaufwand”, mit dem die Küche damals emphatisch beworben wurde, hat im Zuge der Rationalisierung der Arbeitswelt einen Beiklang des Inhumanen bekommen. Die „Frankfurter Küche” im Museum der Dinge gibt nicht nur Einblick in ein spannendes Kapitel der Kultur- und Sozialgeschichte. Sie macht uns auch bewusst, wie die Dinge, mit denen wir uns umgeben, unseren Alltag prägen, wie sie uns entlasten, aber auch einspannen in vorprogrammierte, rationelle Arbeitsabläufe und sogar unser soziales Leben mitbestimmen.

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